Über die Wirkung von Sprache — Mein Blog
„Gebongt!“
29. März 2021

Im Zweifel

Ein Rennfahrer, ein Dirigent und ein CEO beantworten die
Frage, ob sie Zweifel kennen.

Der Dirigent Herbert Blomstedt
JULIA SPINOLA: Hatten Sie wirklich solche Selbstzweifel?
HERBERT BLOMSTEDT: Selbstzweifel begleiten mich immer.
Selbstzweifel sind gut. Das Umgekehrte, ein Zuviel an Sicherheit,
ist tödlich in der Kunst. Natürlich muss ein Gleichgewicht gehalten
werden. Die Zweifel dürfen nicht zerstörerisch wirken.

(Quelle: Herbert Blomstedt, Mission Musik, Henschel Bärenreiter)

Der CEO Nikolaus von Bomhard

BRAND EINS: Seit Sie bei Munich Re Vorstandschef sind, …
Sind Ihnen noch nie Zweifel an der Richtigkeit Ihrer Strategie
gekommen?
VON BOMHARD: Mir gefällt ein Gedanke des Dichters Erich
Fried. Er rät, Angst vor dem zu haben, der keine Zweifel kennt.
Jede Strategie muss regelmäßig hinterfragt werden, …

(Quelle: brand eins, 01/2012)

Der Rennfahrer Sebastian Vettel

ZEIT: Sind Ihnen Selbstzweifel fremd?
VETTEL: Nein, ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich empfinde
mich als sehr selbstkritisch. Vor allem schaue ich, wenn es nicht
läuft, zuerst auf das, was ich hätte besser machen können, bevor ich
mit dem Finger auf andere zeige. Meine Erwartungen an mich sind
meist höher als die Erwartungen von außen.

(Quelle: DIE ZEIT, 18.11.2020)

28. März 2021

„Gebongt“

Über die Wirkung von Sprache

„Ich leite den Vertrieb“ oder „Ich kümmere mich um den Vertrieb“. Beides ist möglich, ich muss mich entscheiden, ob ich Kümmerer oder Leiter bin. Wir können drauflos sprechen oder überlegen, was wir ausdrücken wollen. Wenn mir bewusst ist, dass Sprache wirkt, kann ich mich entscheiden.

In meinem Blog „Gebongt“ teile ich mein (Sprach-)Wissen und zeige Sätze, die lebendig und kraftvoll, manchmal auch missraten sind. Entscheiden Sie, was überzeugend ist.

10. März 2021

Der Tod: Ein Tabu

Im Gespräch mit Doreen Gareis über Trauer und Freude

DOREEN GAREIS: Mein Vater ist 81 Jahre alt. Ich frage ihn, wie
er über den Tod denkt und wo er einmal beerdigt werden möchte,
aber er antwortet nicht. Ist der Tod ein Tabu?

CORNELIA KLAILA: Zunächst einmal fordert der Tod
Respekt ein, finde ich. Es geht nicht oder nicht nur darum, was
mir als Angehöriger wichtig ist. Ich habe gelernt, den Abschied
so mitzugehen, wie ein älterer oder sterbender Mensch diesen
gestalten möchte. Das ist das letzte Ereignis im Leben eines
Menschen. Vielleicht ist es Ihrem Vater ein Anliegen, darüber nicht
zu reden?

Zum Artikel





02. März 2021

Vortrag wider Willen

Dialog anhand einer Szene aus „Buddenbrooks“ von
Thomas Mann. Im Original kanzelt der dominante Vater den
aufgeregten Jungen ab. Hier dreht es sich.

MUTTER: Warte noch einen Moment, Hanno möchte Dir ein
Gedicht vortragen.
SOHN murmelt leise vor sich hin: Ich will gar nicht.
SENATOR: Nun mein Sohn, lass hören. Und bitte laut, ich habe
gerade nicht verstanden, was Du gesagt hast.
SOHN: „Schäfers Sonntagslied“
SENATOR ruft dazwischen: Mein Lieblingsgedicht, wie schön!
SOHN: Kann ich weitermachen?
MUTTER: Ach Hanno, Papa hat sich doch nur gefreut.
SOHN brummelt: Ja, und ich möchte fertig werden.
SENATOR euphorisch: Auf geht’s, mach weiter, ich spreche es
gerne mit.
SOHN: Ich bin allein auf weiter Flur …
SENATOR unterbricht wieder: Die Verbeugung, Du hast die
Verbeugung vergessen. Ohne beginnt ein Künstler doch nicht.
SOHN: Muss das sein?
MUTTER: Ach tu Papa doch den Gefallen. Es ist sein Geburtstag.
SOHN: Also gut (verbeugt sich tief und richtet sich wieder auf),
Schäfers Sonntagslied, ich bin allein auf weiter Flur …
(Die Türglocke klingelt)
SENATOR: Ach nein, das ist der Betriebsrat, der zum Gratulieren
kommen wollte. Wie dumm, jetzt müssen wir es verschieben. Hol’ es
heute Abend nach Hanno, bitte.
SOHN: Ist schon gut, ich geh jetzt, Tom wartet vor der Tür.