Über die Wirkung von Sprache — Mein Blog
„Gebongt!“
12. Juli 2021

Weiß beißt!

Vor der Kamera gilt ein anderer Dresscode

Schon wieder ein Mann im weißen Hemd! Warum sagt ihm niemand, dass sich die Farbe Weiß nicht gut mit der Kameralinse oder dem Scheinwerferlicht einer Bühne verträgt? Wer ein weißes Hemd trägt, wirkt schnell fahl. Mit einem Sakko über dem Hemd ist es nicht ganz so schlimm, aber es bleibt: Weiß ist als Kontrast zum Teint härter als zum Beispiel hellblau.

Ich finde es einfach, vor der Kamera und auf Fotos auf Weiß zu verzichten. Wenn ich das vorschlage, erwidern Trainingsteilnehmer oft: „Aber Chefs tragen doch weiße Hemden.“ Oder: „Weiß sieht doch frisch aus.“ Das mag auch beides stimmen, aber in einem anderen Kontext: Das weiße Hemd kennzeichnet einen Status oder wird im Tageslicht getragen.

Ähnlich heikel kann die Vorliebe für Schwarz sein. Auch dies ist keine gute Farbe vor der Kamera. Und ähnlich groß ist der Widerstand, denn: „Künstler oder Architektinnen tragen nun mal Schwarz.“ Das können sie gerne tun, um ihre Zugehörigkeit zu ihrem Berufsstand auszudrücken. Aber ist das so wichtig, dass man ein schlechteres Bild in Kauf nimmt?

14. Juni 2021

Mein, dein oder der, die, das?

Ein Wort entscheidet über Nähe und Distanz.

M. hatte Krebs. Der Tumor wurde zufällig, sehr früh entdeckt. Sie wurde operiert und nimmt seitdem Tabletten. Frage ich, wie es ihr geht, höre ich seit vier Jahren „Meine“ Krankheit … oder ... wegen „meiner“ Krankheit ... Anfangs stolperte ich innerlich, dann wartete ich gespannt auf ein „meine“. Schon lang will ich rufen: „Sag doch: die Krankheit! Sonst geht sie nie weg.“

M. ist sehr reflektiert. Ich bat um Erlaubnis, meine Gedanken zur Sprache zu schildern, und fragte, ob ihre Wortwahl bewusst war. Sie antwortete: „Es ist doch meine Krankheit, für die ich auch Verantwortung übernehme. Sonst wären es auch die guten Kontrollergebnisse. So sind es meine guten Ergebnisse.“

„Mein“ benennt den Besitz der Person, „die“ ist nur der Artikel des Wortes Krankheit. Es gibt viele solcher Beispiele: Beschäftigte sprechen über „unsere“ Chefin oder „die“ Chefin. Gelingt dem kleinen Max etwas gut, ist es „unser“ Sohn, gelingt es nicht, ist es „dein“ Sohn oder „der“ Max. Und irgendwann wird aus „meinem“ Mann vielleicht „der“ Ex.

Vermutlich wird ein „mein“ oder „die“ oft unbewusst gesprochen. Trotzdem achte ich darauf. Es lässt Nähe oder Distanz aufblitzen und teilt mir etwas mit.

09. Mai 2021

Wieviel „Äh“ darf sein?

Ein Pausenfüller, der ein Weckruf ist.

Im Training sind Teilnehmer:innen oft entsetzt, wenn sie erstmals bewusst hören, wie oft sie „Äh“ oder „Mmm“ sagen. Sie finden es peinlich, wollen es ändern. Allerdings haben sie ihre eigenen „Äh“ während des Sprechens nicht bemerkt oder gehört.

ZEIT Wissen nennt Experimente und Studien, wonach die vermeintlichen Pausenfüller das Sprachverständnis fördern. Es seien Zauberwörter. Das entlastet den Sprecher vielleicht. Trotzdem lenkt ein „Äh“ vom Inhalt ab und stört den Redefluss. Es dürfen nicht zu viele werden. Auf Nachfrage begründen Teilnehmer das unbemerkte „Äh“ so: „Ich war zu schnell und wusste nicht genau, was ich sagen wollte.“

Das „Äh“ ist ein Weckruf: 1. Hören Sie sich beim Sprechen selbst zu. Nur wer das „Äh“ überhaupt bemerkt, kann es ändern. 2. Ein Interview, eine Rede oder ein wichtiges Gespräch sind Auftritte. Sie erfordern mehr Konzentration. 3. Haben Sie Mut zur Pause. Sie lässt Ihre Worte wirken.

(Quelle: www.zeit.de, 24.04.2021)

Zum Artikel

03. Mai 2021

Durchsetzungsstark statt süß

Was Väter ihren Töchtern sagen, wirkt.

Die Psychoanalytikerin Susie Orbach zur Frage, wie man Kindern ein gutes Körpergefühl vermittelt.
(...)
ZEITmagazin: Was ist eigentlich mit den Vätern? Die haben doch genauso (wie die Mütter) Einfluss!

SUSIE ORBACH: Oh ja, absolut! Gleichzeitig haben sie sich mit Körperfragen oft weniger beschäftigt, weil sie es nie mussten. Deshalb verstehen sie nicht, was so schlimm daran sein soll, wenn sie ständig das Aussehen ihrer Tochter loben: Du hast aber ein süßes Kleid an! Mit diesen Komplimenten ist es in der Pubertät dann oft vorbei, weil Väter unsicher werden, ob sie das noch dürfen, wenn ihre Tochter weiblicher wird. Wenn sie sich aber angewöhnen, das Engagement ihrer Tochter zu loben, ihre Durchsetzungskraft, ihren Witz, was auch immer, dann ist dieses Lob viel langlebiger.
(...)

(Quelle: ZEITMAGAZIN NR. 14, 1.04.2021)

Zum Artikel

29. März 2021

Im Zweifel

Ein Rennfahrer, ein Dirigent und ein CEO beantworten die
Frage, ob sie Zweifel kennen.

Der Dirigent Herbert Blomstedt
JULIA SPINOLA: Hatten Sie wirklich solche Selbstzweifel?
HERBERT BLOMSTEDT: Selbstzweifel begleiten mich immer.
Selbstzweifel sind gut. Das Umgekehrte, ein Zuviel an Sicherheit,
ist tödlich in der Kunst. Natürlich muss ein Gleichgewicht gehalten
werden. Die Zweifel dürfen nicht zerstörerisch wirken.

(Quelle: Herbert Blomstedt, Mission Musik, Henschel Bärenreiter)

Der CEO Nikolaus von Bomhard

BRAND EINS: Seit Sie bei Munich Re Vorstandschef sind, …
Sind Ihnen noch nie Zweifel an der Richtigkeit Ihrer Strategie
gekommen?
VON BOMHARD: Mir gefällt ein Gedanke des Dichters Erich
Fried. Er rät, Angst vor dem zu haben, der keine Zweifel kennt.
Jede Strategie muss regelmäßig hinterfragt werden, …

(Quelle: brand eins, 01/2012)

Der Rennfahrer Sebastian Vettel

ZEIT: Sind Ihnen Selbstzweifel fremd?
VETTEL: Nein, ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich empfinde
mich als sehr selbstkritisch. Vor allem schaue ich, wenn es nicht
läuft, zuerst auf das, was ich hätte besser machen können, bevor ich
mit dem Finger auf andere zeige. Meine Erwartungen an mich sind
meist höher als die Erwartungen von außen.

(Quelle: DIE ZEIT, 18.11.2020)

28. März 2021

„Gebongt“

Über die Wirkung von Sprache

„Ich leite den Vertrieb“ oder „Ich kümmere mich um den Vertrieb“. Beides ist möglich, ich muss mich entscheiden, ob ich Kümmerer oder Leiter bin. Wir können drauflos sprechen oder überlegen, was wir ausdrücken wollen. Wenn mir bewusst ist, dass Sprache wirkt, kann ich mich entscheiden.

In meinem Blog „Gebongt“ teile ich mein (Sprach-)Wissen und zeige Sätze, die lebendig und kraftvoll, manchmal auch missraten sind. Entscheiden Sie, was überzeugend ist.